Guten Tag,
ich hoffe hier ein wenig Unterstützung zu meiner Geschichte zu finden.
Ich bin vor kurzem ungewollt schwanger geworden. Mein Freund und ich waren zu dem Zeitpunkt 1,5 Jahre zusammen und ich wusste, dass er keinen Kinderwunsch hat bzw. kein Vater werden möchte. Mein Kinderwunsch war in den letzten Jahren sehr unklar und ich dachte er wäre schwächer geworden. Nun war ich aber eben schwanger. Mein Freund war zu erst sehr unterstützen, ist aber die ganze Zeit davon ausgegangen, dass auch für mich nur ein Abbruch eine Option wäre. Als er dann merkte, dass es für mich auch die Option gibt das Kind zu bekommen haben wir uns getrennt. Er meinte er könne die Beziehung dann nicht weiterführen, er könne niemals Vater für das Kind sein, weil es vorher nicht abgesprochen war. In der Situation selber hat er allerdings jedes Gespräch über die Option das Kind zu bekommen verweigert und mir gesagt, dass ich dann Alleinerziehend sein würde und er sich nur soweit beteiligt wie er gesetzlich verpflichtet wird. Er würde sein Kind niemals kennenlernen wollen, das sei die "wahrscheinlichste Option", so hat er es genannt. Er sei selber in einer Familie aufgewachsen, die vom Vater verlassen wurde und seine Mutter stand immer alleine da und ich würde doch mit Kind auch niemanden kennenlernen.
Ich habe sehr viele Beratungsgespräche geführt und mit vertrauten Menschen aus der Familie und Freundeskreis geredet. Die allermeisten haben allerdings keinen Kinderwunsch oder haben ein Kind bekommen. Kaum jemand kann diese Verbindung beschreiben oder verstehen, die anscheinend schon in einem so frühen Stadium der Schwangerschaft vorhanden ist. Aus den männlichen Perspektiven meines Umfeld (so auch mein (jetzt) Ex-Freund) hieß es, dass man nach einem Abbruch einen Neustart haben kann und jemanden kennenlernen kann, der meinen Wunsch nach Familie teilt und Vater für meine Kinder sein möchte. Man könne wieder klar denken und außerdem hätte ich mit meinen 28 Jahren noch viel Zeit Kinder zu bekommen.
Das mit dem Klar denken stimmt auch soweit, allerdings sind alle Ängste die ich zu vor hatte und der Nebel der mich wochenlang begleitet hat verschwunden. Natürlich nicht komplett, aber ich sehe es nicht mehr als unmöglich jemanden kennenzulernen als Mutter bzw. auch nicht mehr den riesen Wunsch danach, den ich tatsächlich auch das erste mal hatte als ich schwanger und voll mit Hormonen war. Das habe ich sehr unterschätzt, wie Hormone wirklich auf einen wirken. Auch meinte mein Ex-Freund ständig, dass die Umstände so schlecht seien, obwohl wir beide eine Abgeschlossene Berufsausbildung, Festanstellung und Wohnung haben.
Und es stimmt auch, dass ich noch Zeit habe Kinder zu bekommen, aber ich hätte gerne vorher gewusst, dass das was ich vorher von vielen als "noch kein Baby" oder "Zellklumpen" beschreiben bekommen habe schon so Verbunden anfühlt. Ich weiß auch, dass ich diese Verbundenheit eine Zeit lang stärker gefühlt habe und mir diesen "Zellklumpen" schon sehr vermenschlicht habe und dies dann in den letzten Wochen aktiv verdrängt habe, weil ich wusste, dass ein Abbruch für mich sonst nicht möglich ist.
In der ganzen Zeit hatte ich vier Termine für einen Abbruch und habe an drei Terminen die Klinik wieder verlassen, weil ich nur geweint habe und gehofft habe mit mehr Zeit eine klarere Entscheidung treffen zu können. Ich habe es mir nicht zugetraut Mutter zu werden und wollte meinem Kind nur das allerbeste ermöglichen und dachte, dass ich das aktuell nicht leisten könne. Nun wünsche ich mir nichts mehr als den Abbruch rückgängig zu machen. Ich fühle mich als habe ich mein Kind verloren und komme überhaupt nicht damit klar, dass es durch meine Entscheidung passiert ist. Auf einmal ist mir wieder bewusst, dass ich mein ganzen Leben lang gesagt habe, dass ein Abbruch für mich nicht in Frage kommt und dass ein Kind sich seinen Zeitpunkt und Eltern aussucht. (Das zählt nur in diesem Fall für mich. Ich bin auf jeden Fall der Meinung, dass es jede Frau selber entscheiden sollte und würde diese Entscheidung bei anderen Menschen auch niemals verurteilen).
Am Tag des Abbruchs selber habe ich auch geweint als ich in den OP gekommen bin, aber ich wollte dass diese ganze schreckliche Situation einfach ein Ende hat. Ich habe versucht die Entscheidung rational zu treffen und alles emotionale zu verdrängen. Seit dem habe ich jeden morgen geweint und hoffe, dass es alles nur ein böser Traum ist und die Ärztin in der Kontrolluntersuchung sagt, dass ein Fehler passiert ist und ich doch noch schwanger bin. Ich mache mir solche Vorwürfe.
Und nun höre ich auf einmal, dass es so vielen Frauen so geht nach einem Abbruch. In den allermeisten Beratungsgesprächen wurde mir gesagt, dass kaum eine Frau diese Entscheidung bereut und viel wurde ich auf Foren hingewiesen, die sich mit dem Schwangerschaftskonflikt beschäftigen oder damit ob Frauen das Kind bekommen haben, aber kaum wurde darüber geredet wie es Frauen nach dem Abbruch gehen kann. Zwei-Drei dunkle Tage durch den Hormonabfall wurde mir gesagt und dann Erleichterung, dass es eine Entscheidung gibt. Leider habe ich erst spät den Kontakt zu ProFemina gefunden.
Ich wünschte ich wäre stärker gewesen und hätte mehr auf mein Bauchgefühl gehört zu dem Thema. Der Gedanke einfach nochmal einen Frauenarzttermin mit Ultraschall zu machen war da oder mal einkaufen und Babysachen anschauen oder einfach mal versuchen stolz mit der Schwangerschaft umzugehen, aber der Schmerz war in dem Moment zu stark, da ich auf so viel Ablehnung gestossen bin. An einem Tag habe ich mich mit Freundinnen getroffen und gesagt, dass ich glaube, dass ich das Kind behalte und habe direkt ein misstrauischen "Meinst du wirklich?" oder "du weißt, dass du dann Alleinerziehend bist?" erhalten.
Ich habe einfach das Gefühl, dass ich keine Entscheidung für mich treffen konnte, auch wenn ich es sehr versucht habe. Gerade der Einfluss meines Ex-Partners war sehr stark, obwohl er in den letzten Wochen auch nur gesagt hat, er habe es akzeptiert, dass ich dann ein Kind hätte und ich solle ihm einfach meine Entscheidung mitteilen.
Dieser Text ist schon sehr lang geworden und vielleicht auch für viele zu lang um ihn vollständig zu lesen, aber es tut gut alles mal aufschreiben zu können. Vielleicht versteht ja jemand die Situation oder hat einen Rat wie es jetzt weitergehen kann.
Liebe Annie,
es tut mir sehr leid, was du erlebt hast. Und ich möchte dich gerne unterstützen. Was meinst du, hilft dir? Wobei möchtest du unterstützt werden? Und wodurch fühlst du dich unterstützt?
Auf dem Weg zu einer guten Entscheidung hat dir die Unterstützung für dein inneres Empfinden völlig gefehlt. Niemand hat dein Empfinden bestätigt und so hast du dich selbst immer mehr in Frage gestellt.
Die besondere Hormonlage in der Schwangerschaft ist mitverantwortlich für dieses besondere Empfinden, das du hattest. Wenn das nur negativ gesehen wird und man sich deshalb fast als „unzurechnungsfähig“ gelesen sieht, ist eine ganz wichtige innere Stärke nicht verfügbar.
Wir Frauen (und übrigens auch Männer) sind immer mit Hormonen voll. Sie wirken immer. In der Schwangerschaft ungewöhnlich, aber angemessen. Manche Frauen können ihren Partner nicht riechen, was eigentlich so etwas bedeutet wie: Wende dich nach innen, zu deinem eigenen Innern und zu dem neuen Leben in dir. Oder auch einfach: zieh dich ein wenig zurück und gib dir Ruhe. Besonders wenn Übelkeit oder Müdigkeit hinzukommen.
Genau diese Hinweise hast du verdrängt, weil du sie für dich alleine nicht einordnen konntest und nicht aus dem „Normal“ kippen wolltest. Die gefühlte Verbundenheit, deine hormonbedingte Stärke, wurde dir eher ausgeredet anstatt liebevoll erklärt.
Die Ängste deines Freundes waren übrigens auch nicht rational!
Mich besorgt die gesellschaftliche Entwicklung, dass die männliche Perspektive von Kontinuität (nach dem Motto „immer weiter so“) so dominant ist. Auch die Selbstbezogenheit. Dass Veränderungen und v.a. Verlangsamung für einen anderen Menschen so wenig im Bewusstsein sind. Und der Respekt vor der Fähigkeit einer Frau, überhaupt Kinder zu bekommen, so gering ist.
Die Fruchtbarkeit einer Frau ist im Zyklus ein Zeitfenster und im gesamten Leben auch eine kurze Zeit im Vergleich zum Mann. Dabei kostet Schwangerschaft und Geburt und die Zeit danach eine Frau viel mehr als einen Mann.
Mir tut es sehr leid, dass du so wenig emotionale Unterstützung von Frauen hattest. Die Menschen aus Familie und Freundeskreis, die Kinder bekommen haben – wussten sie nichts von der Verbindung im frühen Stadium der Schwangerschaft? Oder waren sie nicht aufrichtig dir gegenüber? Oder einfach nicht sensibel?
Letztlich hätte auch der Arzt erkennen können, dass du nicht aus Überzeugung zum Abbruch kommst, wenn du an drei Terminen die Klinik verlassen hattest. Sondern, dass du einfach weiterhin keine Druckentlastung bekommen hast. Auch er hätte sie dir geben können.
Du wurdest jedes Mal nach so einem Termin wieder nicht verstanden und hast dich damit in der gleichen schrecklichen Situation vorgefunden wie davor. War niemand da, der dich verstanden hat, der anerkannt hat, was du fühlst, und dich in die Arme genommen hat?
Liebe Annie, du warst sehr stark, dass du so lange standgehalten hast!
Dein Bauchgefühl war dann gegenüber den Stimmen um dich herum nicht mehr laut genug. Die Reaktion deiner Freundinnen erschüttert mich.
Jetzt bist du hier und hast dir deine Gedanken und Gefühle von der Seele geschrieben.
Tu das, was dir jetzt entspricht. Tu es jetzt. Sprich und weine, auch vor andern. Lass dir dein Gefühl nicht mehr widerlegen. Ich glaube, das gibt dir wieder Verbindung zu deiner inneren Stärke.
Ich war etwa in deinem Alter unerwartet schwanger und es war nicht so einfach für mich, weil ich noch in der Ausbildung war. Das Umfeld war unterstützend. Dadurch wurde es mit der Zeit leichter für mich.
Ich weiß nicht, wie es mir bei diesem Widerstand gegangen wäre, den du erlebt hast.
Im Moment scheint die Stimmung in unserer Gesellschaft sehr gegen Kind bzw. Mutterschaft zu sein.
Dadurch werden viele Frauen übergangen und übergehen sich selbst. Der Wunsch, sich anzupassen und dazuzugehören, nicht aus der Norm zu fallen, wird in einem aktiviert. Und das Netz verstärkt, was man eingibt.
Mein Rat: Sprich offen, wie es dir geht, wenn du es möchtest. Zeige dich, wie du bist. Und nimm bewusst Abschied von deinem Kind und gib ihm einen Platz in deiner Biographie. Es ist dein erstes Kind. So, wie du es im Innern von Anfang an wusstest.
Vielleicht bedeutet deine Geschichte eines Tages für eine andere Frau die Unterstützung, die du in deiner schweren Zeit gebraucht hättest.
Und jetzt ist meine Antwort auch lang geworden ... 😌
Alles alles Liebe für dich! ❤️