Ich möchte meinen Beitrag ergänzen mit der Frage wie ihr daraus gekommen seid? Was hat euch geholfen? Ich fühle mich als würde ich die ganze Zeit fallen. Ich kann nicht mehr essen seit dem Abbruch und werde immer schwächer. Sobald ich aufwache kommen die Gedanken des Bereuens und warum hab ich das getan? Abends ist es auch besonders schwer. Wie gibt es Heilung und Vergebung?
Liebe Mitmir,
eben war ich dabei, dir zu schreiben, da sehe ich deinen neuen Beitrag und deine Fragen. Mir scheint, du bist sehr alleine im Moment.
Du nennst dich „Mitmir“. Du suchst nach Verbundenheit. Auch mit deiner Anrede in deinem Beitrag von gestern: Liebe Frauen.
Mit deinem Schreiben hier bist du nun mit Menschen verbunden. Ist das nicht ein Schritt, den du schon Richtung Heilung gegangen bist? Du bist nicht mehr allein.
Die Gefühle, die du jetzt hast, waren vielleicht auch vor der Abtreibung da. Und die Hoffnung, die negativen Gefühle könnten mit dem Abbruch wieder aufhören.
Liebe Mitmir, wer sind deine nähesten Menschen? Ich meine jetzt räumlich und natürlich herzensmäßig. Wie sehr haben sie Anteil genommen an deinem Ergehen in den letzten Wochen? Wo fühltest du dich verstanden? Wem könntest du dich jetzt anvertrauen?
Was ich dir zusichern möchte: Du bist gehalten. Der Boden, auf dem du stehst, trägt dich. Wenn diese Sicherheit fehlt, hilft es, sich das bewusst zu machen. Auch zu spüren, wie der Atem läuft. Das heißt: Du darfst sein. So, wie du jetzt bist. Getragen. Fühl dich umarmt von mir. ❤️
Liebe Layla, danke für deine mitfühlende Nachricht. Es hilft kurz, zu sehen da ist jemand der mitfühlt. Ich fühle mich so alleine obwohl ich Schwestern habe, Freundinnen und einen Partner. Aber der ist überfordert. Ich glaub ich gehe kaputt, wenn ich mir nicht bald vergeben kann. Aber wie? Wie kann das gehen?
Liebe Mitmir,
ich schreibe dir gerne. 😊 Das Mitgefühl hilft dir. Wenn auch nur kurz. Dann ist wieder das Einsamkeitsgefühl da.
Keiner von deinen Menschen um dich herum konnte abschätzen, was die Abtreibung für dich bedeuten würde. Nun sind auch sie überfordert. Am meisten wohl dein Partner, der dir am nähesten steht. Auf seine Weise ist er als Vater ja auch selbst betroffen.
Du möchtest dir vergeben. Das ist gerade deine größte Hoffnung.
Kannst du benennen, was du dir vergeben möchtest?
Mir scheint es wichtig, dass du siehst:
Vieles hat zusammengewirkt, dass es letztlich zum Abbruch kam.
Manches kannst du gar nicht dir selbst vorhalten. Auch wenn es deine Entscheidung war, haben doch auch andere auf ihre Weise ihren Anteil daran.
Wie du in deinem ersten Beitrag hier geschrieben hast:
- Du warst überfordert, weil dein Leben doch ausgefüllt war und du niemals damit gerechnet hättest, dass du jetzt plötzlich schwanger werden könntest.
- Deine nahen Menschen konnten dir nicht zu einer Perspektive helfen, obwohl sie doch gesehen haben, dass du dir selbst keinen Weg vorstellen kannst ohne Hilfe von außen.
- Du konntest die Zeichen deines Körpers nicht erkennen oder nicht deuten.
Du schreibst von Schuldgefühlen und von Trauer. Auch, dass du dich schämst.
So viele große Gefühle überwältigen dich. Und jedes Gefühl für sich ist schon richtig viel und nicht mal so leicht zu erkennen. Das Erkennen und die Bewältigung braucht Zeit.
Dir selbst vergeben ist ein Schritt auf dem Weg der Heilung. Schon der Wunsch danach ist ein guter Schritt. Und diesen Schritt bist du schon gegangen. Du hast ausgesprochen, dass du dir selbst vergeben möchtest.
Es gibt auch Schritte, um Scham und Trauer zu bewältigen.
Ein wichtiger Schritt ist, dass du hier geschrieben hast. Dass du offen sagst, wie es dir geht. In einem durch Anonymität geschützten Rahmen und ganz ehrlich.
Deine Kraft ist spürbar, wenn du anderen Frauen sagst, was du dir gewünscht hättest, dass man es dir sagt.
Das ist auch ein guter Schritt, der für uns Menschen oft erst nach der Vergebung kommt: Etwas Gutes aus der Erfahrung wachsen lassen.
Die Schritte, die du gehst, führen dich nicht gleich geradlinig auf ein Ziel zu, sondern sind wie Tanzschritte um eine Mitte: immer wieder hin zur Mitte, dann wieder weg und zurück zur Mitte. Und mit unterschiedlicher Haltung, mal gebeugt, mal aufgerichtet. Mal mit Händen vor deinem Gesicht, mal auf deiner Brust oder deinem Bauch, wo das Kleine war, mal nach oben, von wo du es bekommen hattest.
Du hattest in den letzten Wochen deinen Körper nicht verstanden. Kann es sein, dass dein Körper dich jetzt leitet? Dass jede Bewegung, die du jetzt ausführst oder ausführen möchtest, deine Gefühle zum Ausdruck bringt und dich auf den Weg bringt?
Liebe Mitmir, mir kommt es so vor: Du öffnest mit deinem Schreiben hier ein Fenster und rufst es hinaus. Das ist eine starke Bewegung!
Jede Bewegung bringt dich weiter.
- Dass du dich selbst verstehst, wie alles kam.
- Dass du dich äußern kannst.
- Dass du dich selbst so annehmen kannst wie du bist.
- Dass du auch andere Menschen bitten kannst, dich so anzunehmen, wie es dir jetzt geht. Auch wenn sie sich überfordert fühlen.
Auch sie haben vielleicht Gefühle von Schuld, Scham und Trauer. Auch wenn du am allermeisten leidest.
Wir sind nicht allein in diesem Leben. Wir sind miteinander verbunden in allem, was wir erleben.
Was ist es, was du dir vergeben möchtest? Könntest du das benennen?
Danke für die ausführliche Antwort. Ich wünsche mir, dass ich mir vergeben kann, dass ich meinen Kinderwunsch und damit mein Herz nicht erkannt und gehört habe. Nur diese lauten Stimmen aus dem Kopf und verunsichert hab lassen, weil mein Partner auch so unsicher war in dieser Situation. Wir waren so zerrissen. Erst jetzt zeigt sich alles klar.
Du schreibst es ist vielseitig was zu meiner Entscheidung geführt hat. Dies lässt mein Kopf gerade nicht gelten.
Ich habe das Wesen weggeschickt, ein Leben beendet obwohl es sich uns ausgesucht hatte. Wieso habe ich es nicht erkannt? Da ist so viel warum...
Liebe Mitmir,
du fragst: Warum hast du es nicht erkannt?
Hast du eine Ahnung? Bestimmte Momente vor Augen, wo du es hättest erkennen können?
Ja, plötzlich erkenne ich ein paar Momente und das ist so bitter und niederschmetternd, z.B. Das mir immer die Tränen kamen, wenn ich über den Abbruch gesprochen habe. Ich da schon gesagt habe, falls ich das durchziehen kann. Aber beim Termin war ich wie ferngesteuert und konnte nicht mehr umkehren. Aber mein Körper schien auch in die Ruhe zu kommen als ich den Termin gemacht hatte, weil da endlich dieses ununterbrochene Überlegen was zu tun und richtig ist stoppen würde. Mein Körper zeigte ein entspannen, wenn ich an eine Fehlgeburt dachte. Ich dachte es ist ein Zeichen, dass der Abbruch passend ist. Aber jetzt glaube ich, es war ein Zeichen das ich die Natur hätte entscheiden lassen und mich nicht selber als Entscheiderin für den Abbruch belasten sollte. Aber das ist jetzt alles hinfällig..
Liebe Mitmir,
deine Erkenntnisse sind sehr sehr kostbar. Dir kamen die Tränen, wenn du über den Abbruch gesprochen hast. Und du hast dein „falls ich kann“ dazu gesagt.
Wie wurde das von deinem Partner und anderen, die das gesehen und gehört haben, aufgenommen?
Die Ruhe nach der Entscheidung hat wohl damit zu tun, dass der Entscheidungsprozess dich so erschöpft hat, dass du alles getan hättest, um diese Anstrengung zu beenden. Und da hattest du den Abbruch noch vor dir. Es war also keine Ruhe über dem Ergebnis der Entscheidung, sondern nur die Ruhe darüber, dass jetzt etwas entschieden ist.
Die körperliche Entspannung beim Gedanken an eine Fehlgeburt war nochmal anders. Das hast du selbst gespürt und als angenehm empfunden. Dein Körper und die Natur – an dieser Stelle hättest du hellhörig und hellfühlig werden können. Die Ärztin hätte das unterstützen können, indem sie sagt, dass es ein Wunder ist, wenn eine Schwangerschaft in dieser Lebensphase bleibt.
Liebe Mitmir, du kommst dir selbst sehr gut auf die Spur. Die Frage war ja: Was hast du dir zu vergeben?
Du bist jetzt sehr sehr gute Schritte gegangen. Und da hingekommen, wo du wolltest. Nämlich wissen, wo du hättest lenken können.
Wie könntest du dir vergeben, dass du die gute körperliche Entspannung nicht als Zeichen wahrgenommen hast?
Dass du die Entspannung nicht als Zeichen erkannt hast, nicht zu entscheiden, sondern zu vertrauen, dass die Natur ihren Weg mit dir geht?
Darauf habe ich leider keine Antwort. Die Erkenntnis ist zu bitter. Ja, dass es was besonderes ist in dieser Lebensphase...und ich trete dieses Wunder mit Füßen.
Liebe Mitmir,
vielleicht ist es überhaupt ein zu großer Schritt: dir selbst vergeben?
Weil du ja zugleich selbst leidest.
Du hast deine Hoffnung so formuliert weiter oben:
Ich wünsche mir, dass ich mir vergeben kann, dass ich meinen Kinderwunsch und damit mein Herz nicht erkannt und gehört habe.
Kann es sein, dass du in dieser besonderen Ruhe dein Herz nicht erkannt hast? Das war so etwas Neues in dir. Und die lauten Stimmen waren da.
Hat eine Stimme von dem "Wunder in dieser Lebensphase" gesprochen?
Liebe Mitmir,
vielleicht magst du rausgehen und die Natur ansehen, wie dort alles wächst und wird, von alleine. Auch wie verletztlich ist, was du in der Natur siehst. Wie leicht die leisen Stimmen zu überhören sind.
Ob du milder mit dir selbst sein kannst, wenn du siehst und hörst und riechst und den sanften oder heftigen Wind spürst?