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Schuldgefühle nach ungewolltem Abbruch

Schuldgefühle nach ungewolltem Abbruch
Ich bin 30 Jahre alt, habe einen Vollzeitjob, bin geschieden und habe zwei Töchter aus dieser Ehe, 4 und 10 Jahre alt. Seit knapp anderthalb Jahren bin ich mit meinem Partner zusammen, der ebenfalls geschieden ist und zwei Söhne aus erster Ehe hat, 10 und 16 Jahre alt. Wir lebten aus beruflichen Gründen bisher noch nicht zusammen, der Umzug von ihm in mein Haus ist momentan im Gange. Direkt zu Beginn unserer Beziehung wurde die Verhütung geklärt (ich nahm die Pille) und mein Partner ließ verlauten, dass er im Falle eines Verhütungsunfalles auf eine Abtreibung bestehen würde. Er hat dies wohl mit seiner Ex-Frau bereits durch und fand das damals die richtige Entscheidung. Er sagte auch, dass er eine Partnerin, die gegen seinen Willen ein Kind bekäme sehr wahrscheinlich verlassen würde. Ich war schockiert über die Aussage, habe das aber nicht weiter verfolgt, da ich nicht davon ausging, dass wir das einmal selbst thematisieren müssten. Dass er auf ein gemeinsames Kind keinen Wert legt hat er immer wieder mal erwähnt, auch eine Sterilisation seinerseits wurde bereits thematisiert. Als ich mich äußerte, ab und an doch über ein gemeinsames Kind nachzudenken und das evtl. schön zu finden teilte er meine Meinung teilweise. So verblieben wir, dass wir und das mal offen halten, evtl ein Kind bekommen können, aber wenn dann definitiv geplant und nicht darauf ankommen lassen. Als nach Fasching diesen Jahres meine Regel ausblieb war mir direkt klar, dass ich schwanger bin, denn mein Zyklus ist so genau wie eine Atomuhr. Ein Test und eine darauffolgende Untersuchung beim Gynäkologen bestätigten dies. Als ich meinen Freund davon erzählte gab er mir zu verstehen, dass er auf einen Abbruch besteht. Ich bat ihn unter Tränen, dass wir das Kind bekommen. Er argumentierte, dass ein Abbruch jetzt nötig sei, da zu der Zeit kein Kind groß gezogen werden kann (er studiert bis Jahresende noch neben dem Beruf, außerdem steht ein Jobwechsel in Juli an sowie unser Zusammenzug). Wenn ich drauf bestehe, könnten wir zu einem späteren Zeitpunkt ein Kind haben, nur jetzt nicht. Er sagte immer wieder: "Lass und das auf später verschieben.", so als ginge es hier um eine Neuanschaffung von Konsumgütern statt um unser gemeinsames Kind. Mit seinen Worten bzgl. der Beendigung der Beziehung im Hinterkopf machte ich noch in der Woche der SS-Feststellung einen Termin bei der Beratungsstelle und für eine Abtreibung. Ich habe versucht gar nicht darüber nachzudenken und es einfach nur schnell hinter mir zu bringen. In der Beratungsstelle wurde ich sehr freundlich behandelt. Dort übernahm mein Partner das Reden und ich habe einfach allem zugestimmt. In den zwei langen Wochen zwischen SS-Feststellung und Abbruch habe ich meinen Partner immer wieder gebeten, das zu überdenken. Ich ging davon aus, dass mich das seelisch sehr belastet, dass ich damit nicht fertig werden. Ich wollte das nicht, ich wollte das Baby bekommen. Das habe ich ihm immer wieder gesagt. Er sagte einmal ganz diplomatisch, er könne mich nicht dazu zwingen, aber er würde sich doch sehr freuen, wenn ich uns erst mal ausreichend Zeit gebe, unsere Basis zu festigen, bevor wir ein Kind bekommen. Am Tag der Abtreibung habe ich ihn nochmals angefleht, bitte nicht auf eine Abtreibung zu bestehen, aber er sagte nur, dass es so besser sei. Im Wartezimmer von Pro Familia habe ich ihn immer wieder flehend angesehen, habe gehofft, dass er es sich in letzter Sekunde noch anders überlegt. Als ich aufgerufen wurde bin ich panisch in Tränen ausgebrochen und konnte mich nur schwer wieder beruhigen. Ich wurde mehrmals gefragt, ob ich einen Abbruch wünsche. Ich habe dies immer bejaht, doch mein Innerstes schrie "NEIN". Unter Tränen habe ich den Eingriff vornehmen lassen. Seit ich aus der Narkose aufgewacht bin verspüre ich große Leere in mir. Ich habe es direkt bereut. Mir war auch vorher schon klar, dass es im meinen Augen ein Fehler ist, aber ich konnte nicht anders handeln. Mein Partner versucht seitdem, mich mit allem zu unterstützen so gut er kann. Oft bin ich traurig. Ich kann nachts nicht mehr durchschlafen. Ich habe schlimme Träume (u. a. träumte ich kürzlich, meine eigenen Embryos im Salat zu verspeisen), wache nachts schweissgebadet und mit Panikattacken aus, kann dann nur schlecht wieder einschlafen. Ich rechne immer nach, wie weit die SS nun fortgeschritten wäre, frage mich, ob es ein Junge oder Mädchen geworden wäre. Ich meine meine schwangeren Arbeitskolleginnen und Freunde, kann es nicht ertragen diese so glücklich zu sehen (obwohl ich eigentlich kein neidischer Mensch bin, der anderen nichts gönnt). Ich fühle mich schuldig, weil ich diesen Neid verspüre. Schuldig, weil ich an meiner Lage doch selbst Schuld bin. Immerhin hat mein Partner mich nicht mit vorgehaltener Waffe zum Abbruch gewzungen. An manchen Tagen will ich meinen Partner gar nicht sehen. In meinen Augen ist er der Schuldige und zum größten Teil verantwortlich für meine derzeitige Lage. Unmittelbar nach dem Abbruch sagte ich ihm, ich wüsste momentan nicht, ob ich mit ihm noch zusammen sein möchte. Manchmal hasse ich ihn regelrecht dafür, obwohl ich das nicht möchte. Ich möchte meinem Partner gegenüber keine solchen negativen Gefühle hegen. Ich liebe diesen Mann wirklich sehr und möchte am liebsten mein restliches Leben mit ihm verbringen. Dennoch muss ich mich immer fragen, wieso er mich dazu genötigt hat. Jedes Mal, wenn er mir sagt wie sehr er mich liebt stelle ich das in Frage, weil ich denke, dass man einem geliebten Menschen so etwas nicht antut. Ich möchte so gerne darüber hinwegkommen und vllt sogar ganz vergessen, was ich Schlimmes getan habe. Mein Partner schlug mir eine Therapie vor, aber dafür fehlt mir ehrlich gesagt die Zeit (und die Überwindung). Ausser meinem Partner und meiner ehemaligen Schwiegermutter (die trotz Scheidung immer noch wie eine Mutter für mich ist) weiß niemand von meiner Abtreibung und daher weiß ich nicht, mit wem ich das thematisieren könnte. Ich frage mich, wie andere Frauen dies verarbeiten. So gerne würde ich damit abschließen können, mich nicht mehr so schuldig fühlen. Wie habt ihr das geschafft?
1 Antwort
Liebe Brownee, es ist gut, dass du den Mut gefunden hast deine Geschichte hier aufzuschreiben. Es ist erschütternd zu lesen, wie es dir erging. Ich mag mir kaum vorstellen, was du in den 2 Wochen bis zum Abbruch und seither gelitten haben musst. Ich hätte dir sehr gewünscht, dass jemand, dein Partner - oder selbst in der Praxis noch jemand - dich wirklich gehört hätte, und verstanden hätte, was deine Tränen zu bedeuten hatten. Es tut mir sehr leid für dich, dass dem nicht so war! Der Druck, der auf dir gelastet hat mit dem Hintergedanken, dass dein Partner die Beziehung beenden könnte, muss immens gewesen sein. Man spürt dir ab, wie sehr du dir einen anderen Verlauf gewünscht hättest. Die ganzen Gefühle, die bei dir momentan da sind, sind sehr verständlich, auch deinem Partner gegenüber. Er spürt jetzt wohl, dass du leidest und Hilfe brauchst. Ich wünsche dir sehr, dass du jetzt alle Hilfe bekommst, die du brauchst! Denn es gibt wirklich Grund zur Hoffnung, dass du über das hinweg kommen wirst, was passiert ist. Auch wenn die Erinnerung daran sicher bleiben wird. Dass du hier schreibst, ist schon ein Schritt in diese Richtung. Eine Therapie kommt für dich vielleicht gerade weniger in Frage, aber es gibt auch andere Angebote, auch online. Mit deiner ehemaligen Schwiegermutter kannst du gut reden. Tut dir das gut? Nimmt sie deine Gefühle ernst? Vielleicht magst du ja doch ein paar Gespräche bei einer guten Beratungsstelle in Anspruch nehmen, auch um deiner Partnerschaft willen, die dir ja sehr wichtig ist. Ich wünsche dir sehr, dass es gut wird für dich, und für euch beide! Und dass alles heilen kann, was an Verletzung da ist.